Regest: V. hätte vernommen, dass eine Behörde die Aufführung seines Lustspiels Die Pfarre als unsittlich verboten hat. Nun werde seine Schuld beim Theater noch größer und er frage sich, wieviele Stücke er fertigen müsse, bis eines zur Aufführung gelangt. Dabei sei das Verbot ein Missversträndnis: Es sei doch nur sein Ziel gewesen, die Missbräuche bei der Besetzung von Predigerämtern anzuprangern, vor allem wenn die Grundherrschaft im Spiel sei. V. versteht angesichts der romantischen Verwicklung und der Komik den Vorwurf der Unsittlichkeit nicht. Sein Lustspiel enthalte keine anstößigen Stellen, wie sie Lustspiele in Frankreich oder auch in Deutschland enthielten (er nennt Beispiele). V. fühlt sich ungerecht behandelt, weil die Behörde nur einige wenige zweideutige Stellen zu nennen wisse und doch das ganze Stück für unsittlich erkläre. Dabei wäre er auch zu Anpassungen bereit gewesen. Außerdem entzieht sich die Argumentation seinem Verständnis: sollen keine religiösen Fragen auf die Bühne kommen, so erinnert V. als Gegenbeispiel an Zacharias Werners Die Weihe der Kraft. Endlich versteht V. nicht, weshalb man ihm die Zweifel, die eine Figur an den Wundern der Bibel äußere, vorwerfe. Diesen Zweifeln würde widersprochen; außerdem stünden sie in keinem Verhältnis zu Kotzebues Die Unglücklichen, wo der Prediger erkläre, er können nicht an das glauben, was er lehre! Da dem Theater bei einem solchen Verbot ebenso ein Nachteil drohe wie dem Autor, erwarte V., dass P. ihn im Kampf gegen das Verbot unterstütze. Von Mustapaha Bairacktar habe er nichts mehr gehört, wahrscheinlich sei das Stück von einer anderen Behörde verboten worden. V. bittet um Rücksendung jener Manuskripte, die keine Beachtung im Theater fänden: Die blühende und die verblühte Jungfer, Die geitzige Frau und Die Wunderlampe. In der Nachschrift vermerkt V., dass er die Einschätzung eines Geistlichen erfragt habe; sollte V. etwas über das Verbot drucken lassen, wird jener das Gutachten beibringen.

Zitierhinweis

Von Julius von Voß an Michael Rudolph Pauly. Berlin, 12. Juni 1812. Freitag (Regest). Bearb. v. Markus Bernauer. In: August Wilhelm Ifflands dramaturgisches und administratives Archiv. Digitale Edition, hg. v. Klaus Gerlach. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 8 vom 29.04.2019. URL: https://iffland.bbaw.de/v8/A0006136


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