11786 erhielt der Prinzipal Karl Theophil Döbbelin, der mit seiner Truppe in der Behrenstraße spielte, die Erlaubnis, in das seit Jahren nicht als Theater genutzte Komödienhaus auf dem Gendarmenmarkt einzuziehen und dort zu spielen. Die Mitglieder der Gesellschaft durften sich fortan Königlich Preußische National-Schauspieler nennen. Ab Dezember 1786 hieß das Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt Königliches National-Theater, war ein vom Hof beaufsichtigtes Unternehmen geworden und erhielt Zuwendungen aus der Privatschatulle des Königs.

2Ab 1787 unterstand das Königliche National-Theater einem Direktorium, dessen wichtigste Mitglieder der Schriftsteller und Philosoph Johann Jakob Engel, der Schriftsteller Karl Wilhelm Ramler und der Finanzbeamte Kammergerichtsrat Heinrich Ludwig von Warsing waren. Auch diesem Direktorium gelang es nicht, das Theater dauerhaft aus seiner finanziellen Schieflage zu befreien und notwendige Reformen durchzuführen.

3Im Dezember 1796 berief Friedrich Wilhelm II. August Wilhelm Iffland zum Direktor des Nationaltheaters. 1797 überzeugte Iffland den König, einen Theaterneubau zu errichten, der von Karl Gotthard Langhans ausgeführt werden sollte. Im Januar 1802 wurde das neue Theatergebäude als einer der modernsten Theaterbauten Europas eröffnet. Das neue Haus wurde schnell zum kulturellen Zentrum Berlins.

41802 erließ Iffland Theatergesetze, die Regeln für Schauspieler festhielten und einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, dass die Schauspielkunst zu einer autonomen Kunst wurde. Iffland bildete eine große Anzahl bedeutender Schauspieler aus und formte ein mustergültiges Ensemble. Ifflands Kostümreform verbannte vollends alles Dilettantische und Zufällige vom Theater.

5Ab 1802 finden sich in den beiden wichtigsten Berliner Zeitungen regelmäßige Besprechungen der Aufführungen; in der Haude- und Spenerschen Zeitung wurde daraus schnell eine regelmäßige Einrichtung, die Chronik des Nationaltheaters. Auch in überregionalen Kulturzeitschriften wie dem Journal des Luxus und der Moden, der Zeitung für die elegante Welt oder Der Freimüthige wurden die Aufführungen des Königlichen Berliner Nationaltheaters regelmäßig besprochen und wurden so zum Maßstab für Schauspielkunst und Repertoire um 1800.

6Im Dezember 1809 begannen die Verhandlungen über die Fusionierung von Königlicher Oper und Nationaltheater. Zu organisieren war die Zusammenlegung der Orchester und die Gestaltung des Balletts. Der offizielle Zusammenschluss des Berliner Königlichen Nationaltheaters mit der Königlichen Oper erfolgte im Juli 1811. Am 5. Juli stand zum letzten Mal auf den Theaterzetteln Königliches National-Theater. Am 7. Juli stand zum ersten Mal auf den Theaterzetteln Königliches Schauspiel, ab 9. Juli Königliche Schauspiele. Iffland war jetzt der Direktor der Oper an der Straße Unter den Linden und des Theaters am Gendarmenmarkt.

7Bis zu Ifflands Tod im Jahre 1814 war das Theater auf dem Gendarmenmarkt die führende deutsche Bühne im protestantischen Raum. Mit ihren Experimenten mit der Antike, der Rezeption der französischen Klassik, der Durchsetzung der Shakespeare-Übersetzungen August Wilhelm Schlegels und der Versdramen der deutschen Klassik sowie mit ihrem ausgewogenen Repertoire, in dem sich Unterhaltungs- und Bildungstheater die Balance hielten, erfüllt die Berliner Bühne auch für das unter Goethes Direktion stehende Weimarsche Hoftheater eine Modellfunktion.

 

Über den Autor

 

Klaus Gerlach

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

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